Fast 33 Jahre meines Lebens hab ich gedacht, ich sollte und könnte (so wie man das eben macht) ein ordentlicher Grashalm auf einem top gepflegten Rasen werden.
Vielleicht kannst du dir das vorstellen: Irre angestrengt für einen guten Abschluss, studierte Kulturwirtin, wenig Gefühl für die eigenen Bedürfnisse und Grenzen. Zwar mit großen Träumen (vom Künstlersein!) und ein paar ziemlich krassen Entscheidungen. Nur nicht krass genug, um damit ein ganz eigenenes Leben in meinem eigenen Stil zu gestalten, das mich gesund und so richtig glücklich gestimmt hätte.
Obwohl mir sehr früh klar war, dass ich kein klassisches Leben führen möchte, war da immer dieser unsägliche Stress, trotzdem reinzupassen und „Sinn zu ergeben“.
Hat nicht funktioniert.
Erst nach jahrelangem Abrackern und Versuchen, anhaltenden Erschöpfungszuständen, nervigen Haut- und Geldproblemen und abgefahrenen Heilungsmanövern (uff), ist mir endlich die Hutschnur geplatzt und ich hab (mir Hilfe gesucht und) ein für alle mal beschlossen, mich an die erste Stelle zu setzen und mein eigenes Wesen zu leben. So schamlos schön und stachelig eigensinnig wie eine wilde Rose.
Und da kam mir die Idee mit der Sumpfblume.
Vielleicht war ja das die ganze Zeit das Problem?
Dass ich eigentlich immer wusste, dass ich niemals ein passender Grashalm sein könnte und doch irgendwie versucht hatte, wenigstens eine bewundernswerte Rose zu sein (eine, die zum wohlgepflegten Rasen gehören darf und ihm nichts anhaben kann!?).
Aber das ging auch nicht, denn das war gar nicht mein Terrain! Und auch gar nicht, was ich wirklich-wirklich wollte.
Sumpfblumen hingegen – die sind ganz woanders und next-level sie selbst.
Da wird nichts gestutzt, gezüchtet, bewertet – die bahnen sich ihren eigenen Weg und verschönern die Landschaft durch ihre pure Anwesenheit.
So stelle ich mir das jedenfalls vor.
Ich saß schon als Kind am liebsten mit meiner Schwester auf der ungemähten Blumenwiese unseres Elternhauses und hab all die unterschiedlichen Pflanzen und Tiere beobachtet. Da wuchs einfach alles wild durcheinander, jeder hatte seinen Platz und jeder konnte genau so sein, wie er gemeint war.
Völlig faszinierend.
Diese Faszination ist mir zwischenzeitlich abhanden gekommen – und tatsächlich muss ich mich in diesem strudeligen modernen Leben regelmäßig dahin zurückholen.
Blühende Seelenkerne zu zeichnen hilft fast immer. Und ich glaube, ich bin nicht die Einzige, die den Wald vor lauter Bäumen manchmal nicht mehr sehen kann und einen Stubser zurück ins naturgegebene Lebensglück vertragen kann.
Wusstest du, dass Europa früher zu weiten Teilen aus Sumpf- und Moorlandschaften bestand? Das gehört also sozusagen zu unserem ursprünglichen Habitat und ich weiß nicht wie es dir geht, aber ich sehne mich (nicht unbedingt nach einem Sumpf) – aber nach dieser warmen erfüllten Stille und wuchernder blühender Wildnis (vor der Haustür und im Herzen). Nach Blumen und Erdduft, nach Schmetterlingen und Vogelgezwitscher, nach all den Abenteuern zwischen Sonnenaufgang und Sonnenuntergang.
Und nach diesem herrlichen Gefühl, zur Natur zu gehören. Im vollen Bewusstsein zu leben, dass ich (und du) auch ein Stückchen einzigartige, perfekt erdachte Natur sind (genauso wie wir sind!).
Deshalb: Die Kunst. Und Worte. Und Spaziergänge durch Wien, bei denen ich die Kräuter am Straßenrand bestaune und mich über die Weite des Himmels freue, wenn die Häuserschluchten sich öffnen.
Nicht umsonst bin ich seit 2020 Wortpoetin und Illustratorin im Team der Naturakademie (wo man über 300 heimische Pflanzen und unfassbar bereichernde Grundlagen und Geheimnisse der Natur entdecken kann) und gestalte stimmige Außenpräsenzen für Frauen, die anderen Menschen zurück ins entspannte, gestärkte Körpergefühl verhelfen.
Ich glaube, wenn wir jeden Morgen fühlen könnten, dass wir wirklich eine blühende, königlich lebensmutige Sumpfblume sind, ein mutiger Seelenkern, der sich hier einen Namen machen wollte als Mensch in dieser Zeit, dann kann richtig viel Gutes passieren.
Die Natur und unser Leben wäre wieder so kostbar, dass wir sie (und uns) behüten und gedeihen lassen würden. So richtig.
Kunst ist dafür mein Lieblingsmittel – denn wenn du es oft genug siehst, hier gerade oder stell dir mal vor, als echtes, ganz eigenes Werk auf deiner Kommode oder an der Wand an deinem Arbeitsplatz, kannst du ja gar nicht anders als unbemerkterweise noch so viel lebendiger zu werden…
Wer weiß, vielleicht hörst du dann auch auf im metaphorischen Schlamm rumzuwühlen und erfreust dich stattdessen an seiner reichhaltigen Nahrung für ein Leben, in dem sich der Himmel spiegelt und du das bist, was du hier wirklich sein wolltest?
Ich freu mich jedenfalls, dass du hergefunden hast. Melde dich am besten gleich zu den Studio Briefen (aka Sumpfblumen-Post) an, dann können wir zusammen weitergedeihen.